Ratgeber

Raumfahrt und Raketen: Wie klimaschädlich ist ein Raketenstart?

Wie viel CO₂ ein Raketenstart verursacht, warum Ruß in der Stratosphäre zählt und was wiederverwendbare Raketen bringen. Mit Rechnung, Stand Oktober 2026.

Veröffentlicht am Aktualisiert am

Von Johanna Jung · aktualisiert am · 14 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Falcon-9-Start setzt aus dem Treibstoff rund 490 t CO₂ frei, ein Starship-Start rund 2.830 t.
  • 2025 gab es weltweit 329 orbitale Startversuche, 2015 waren es 87.
  • Rund 95 % der Falcon-9-Starts 2025 nutzten gebrauchte Booster; das Treibstoff-CO₂ von SpaceX stieg seit 2015 trotzdem rund 28-fach.
  • Raketenruß wirkt in der Stratosphäre rund 500-mal stärker auf das Klima als Ruß vom Boden.

Wie klimaschädlich sind Raumfahrt und Raketen insgesamt?

Gemessen am CO₂ ist die Raumfahrt klein: Die 165 SpaceX-Starts des Jahres 2025, rund die Hälfte aller Starts weltweit, setzten nach unserer Rechnung rund 95.000 t CO₂ frei, rund 0,01 % der Emissionen der kommerziellen Luftfahrt. Klimatisch bedeutsam wird sie durch das, was Raketen direkt in die Stratosphäre bringen: Ruß, Aluminiumoxid, Chlor und Wasserdampf.

Raketen sind die einzige menschliche Quelle, die Abgase in 15 bis über 50 km Höhe ausstößt. Laut einer Auswertung von Barker, Marais und McDowell (Scientific Data, 2024) entweichen mehr als 78 % des Kohlenmonoxids und des Rußes eines Starts oberhalb von 40 km. Dort fehlt Regen, der Partikel auswäscht. Ruß bleibt nach Ryan et al. (Earth’s Future, 2022) mehr als zwei Jahre in der oberen Atmosphäre, Ruß aus Dieselmotoren oder Waldbränden nur wenige Wochen.

Hinzu kommt die Dynamik. 2015 zählte der Astrophysiker Jonathan McDowell 87 orbitale Startversuche weltweit, 2025 waren es 329, so viele wie nie. Bis Ende September 2026 kamen weitere 235 hinzu (vorläufig). Die Raumfahrt ist damit eine kleine, aber schnell wachsende Emissionsquelle in der oberen Atmosphäre. Was mit dem Material ausgedienter Satelliten passiert, beschreibt der Abschnitt zum Wiedereintritt weiter unten.

Wie viel CO₂ verursacht ein Raketenstart je nach Treibstoff?

Ein Start der Falcon 9 setzt aus dem Treibstoff rund 490 t CO₂ frei, ein Start des Systems Starship mit Super Heavy rund 2.830 t. Raketen mit flüssigem Wasserstoff stoßen dagegen kein CO₂ aus, Feststoffbooster vor allem Aluminiumoxid und Chlorwasserstoff.

Wie viel CO₂ entsteht, hängt am Kohlenstoff im Treibstoff. Ein Kilogramm Raketenkerosin (RP-1) ergibt bei vollständiger Oxidation rund 3,15 kg CO₂, ein Kilogramm Methan 2,74 kg, ein Kilogramm Propan 2,99 kg. Im Triebwerk entsteht zunächst viel Kohlenmonoxid, das in der Atmosphäre zu CO₂ weiterreagiert. Die Werte in der Tabelle gelten deshalb für die vollständige Oxidation und nur für den Treibstoff, nicht für die Herstellung der Rakete.

goClimate-Rechnung
goClimate-Rechnung: Emissionen je Start nach Rakete und Treibstoff
RaketeTreibstoffCO₂ je StartWeitere Abgase in der Höhe
Falcon 9 (SpaceX)rund 156 t Kerosin (RP-1) mit flüssigem Sauerstoffrund 490 t Ruß in der Größenordnung einiger Tonnen
Starship mit Super Heavy (SpaceX)rund 1.030 t Methan mit 3.870 t Sauerstoffrund 2.830 t deutlich weniger Ruß je kg als Kerosin, viel Wasserdampf
Ariane 62 (ESA/Arianespace)Wasserstoff und Sauerstoff (rund 184 t), dazu 2 Feststoffbooster mit je rund 142 trund 130 t rund 97 t Aluminiumoxid, rund 60 t Chlorwasserstoff
Ariane 64wie Ariane 62, aber 4 Feststoffboosterrund 260 t rund 190 t Aluminiumoxid, rund 120 t Chlorwasserstoff
Spectrum (Isar Aerospace)Propan mit flüssigem Sauerstoff2,99 kg je kg PropanTreibstoffmenge nicht veröffentlicht

Ein einziger Falcon-9-Start verursacht so viel CO₂ wie rund 35 Flüge eines A320 von Frankfurt nach Palma oder wie 50 Menschen in Deutschland in einem Jahr. So haben wir gerechnet: Treibstoffmasse × CO₂-Faktor aus der Summenformel (RP-1 als CH1,95: 3,149; Methan 2,743; Propan 2,994). Falcon 9: 155,87 t RP-1 (Ohs et al. 2025 nach Blau 2017) × 3,149 = 491 t; Starship: 1.030 t Methan (nach SpaceX) × 2,743 = 2.825 t; Ariane 6: je kg Feststoff 0,46 kg CO₂, 0,34 kg Aluminiumoxid, 0,21 kg Chlorwasserstoff bei Annahme der Standardrezeptur (68 % Ammoniumperchlorat, 18 % Aluminium, 14 % Binder), Treibstoffmassen nach ESA. Vergleich: 14,2 t CO₂ je A320-Flug Frankfurt–Palma, 9,8 t CO₂-Äq. Fußabdruck je Person und Jahr (UBA). Ruß: Emissionsindex 2 bis 4 % der Kerosinmasse, nur Größenordnung.

Die Zahl ist niedriger als die 540 bis 640 t, die frühere Fassungen dieses Artikels nannten; jene Werte waren CO₂-Äquivalente unklarer Herkunft. Wie viel CO₂ ein Flug verursacht, zeigt die Seite zu den CO₂-Emissionen eines Fluges nach Mallorca und New York; den eigenen Flug rechnen Sie mit dem CO₂-Rechner für Flugreisen nach.

Machen wiederverwendbare Raketen die Raumfahrt klimafreundlicher?

Wiederverwendbare Raketenstufen senken den Material- und Herstellungsaufwand je Start, nicht aber die Emissionen aus dem Treibstoff, denn der wird bei jedem Start vollständig verbrannt. Gleichzeitig hat die billigere Wiederverwendung die Zahl der Starts vervielfacht: weltweit von 87 Startversuchen 2015 auf 329 im Jahr 2025, bei SpaceX von 7 auf 165.

SpaceX landete am 21. Dezember 2015 erstmals eine Erststufe und flog im März 2017 erstmals eine gebrauchte. 2025 starteten 157 von 165 Falcon-9-Missionen mit einem bereits geflogenen Booster, rund 95 %. Ein einzelner Booster flog bis August 2026 mindestens 37-mal. Die Landung selbst kostet Treibstoff: Rückflug, Abbremsen beim Wiedereintritt und Landezündung verbrauchen zusammen rund 12 % des Treibstoffs der Erststufe (Barker et al. 2024), die nicht für Nutzlast zur Verfügung stehen.

Orbitale Startversuche weltweit und Anteil von SpaceX, 2015 bis 2026
JahrStartversuche weltweitdavon SpaceXSpaceX-Anteil
201587 7rund 8 %
2020114 25rund 22 %
2023223 96rund 43 %
2024262 134rund 51 %
2025329 165rund 50 %
2026 (bis 30. September, vorläufig)235 mehr als 100 (Falcon 9, bis 25. August)–

Die Zahl der Starts hat sich in zehn Jahren fast vervierfacht, SpaceX stellt seit 2024 rund die Hälfte. 2026 liegt auf Kurs für rund 300 Starts; für SpaceX gibt es keinen Wert zum selben Stichtag, daher kein Anteil. Quellen: Startversuche einschließlich Fehlstarts nach Jonathan McDowell, General Catalog of Artificial Space Objects (Stand 30.09.2026); SpaceX-Starts nach Unternehmensangaben (Space.com), nur orbitale Starts ohne Starship-Testflüge.

Fallbeispiel

SpaceX: Starts, Wiederverwendung und Starlink (Stand Oktober 2026)

  • 165 orbitale Falcon-9-Starts 2025, davon 123 für das eigene Satellitennetz Starlink; dazu 5 suborbitale Starship-Testflüge (Space.com, 31.12.2025)
  • 157 der 165 Starts 2025 mit gebrauchtem Booster, laut Pflichtangaben an die US-Börsenaufsicht (Space Daily, 18.07.2026)
  • 100. Falcon-9-Start des Jahres 2026 am 25. August 2026; Rekord-Booster B1067 mit 37 Flügen (Space.com, 25.08.2026)
  • 12.988 Starlink-Satelliten gestartet, rund 11.100 im Orbit (McDowell, Stand 09.10.2026)
Einordnung

Was der Fall zeigt

SpaceX zeigt einen klassischen Rebound-Effekt. Die Wiederverwendung hat den Start so billig gemacht, dass ein Unternehmen ein Netz aus über 11.000 Satelliten aufbauen konnte; drei von vier SpaceX-Starts 2025 dienten diesem Netz. Der Treibstoffverbrauch je Start ist dabei gleich geblieben. Wer „wiederverwendbar“ mit „umweltfreundlich“ gleichsetzt, übersieht, dass die Ersparnis bei der Herstellung durch die Menge der Starts mehr als aufgezehrt wird.

goClimate-Rechnung
goClimate-Rechnung: Rebound der Wiederverwendung, CO₂ aus Treibstoff und Herstellung der Erststufen
Größe20152025Faktor
SpaceX-Starts (orbital)7165 (plus 5 Starship-Tests)rund 24
davon mit neuem Booster78rund 1,1
CO₂ aus dem Treibstoff, SpaceXrund 3.400 t rund 95.000 t rund 28
Herstellung neuer Erststufen (Annahme rund 420 t CO₂-Äq. je Stufe)rund 2.900 trund 3.400 trund 1,1
Summe aus Treibstoff und Erststufenrund 6.400 t rund 98.500 t rund 15
je Falcon-9-Start (Treibstoff und Erststufe)rund 910 trund 510 trund −44 %
Treibstoff aller Starts weltweit (Größenordnung)rund 29.000 trund 111.000 trund 3,8

Je Falcon-9-Start sind die Emissionen aus Treibstoff und Erststufen-Herstellung durch die Wiederverwendung um rund 44 % gesunken. Weil aber fast 24-mal so oft gestartet wurde, stieg die Summe auf rund das 15-Fache, das CO₂ aus dem Treibstoff allein auf rund das 28-Fache. So haben wir gerechnet: Starts × 491 t CO₂ je Falcon-9-Start, 2025 plus 5 × 2.825 t für Starship-Testflüge (2015 ist eine Obergrenze, die damalige Falcon 9 war kleiner); Herstellung: Starts mit neuem Booster × rund 420 t CO₂-Äq. je Falcon-9-Erststufe (Ohs et al. 2025, nicht im Original geprüft; 2015 waren alle 7 Booster neu, 2025 laut SEC-Angaben 8 von 165); je Start: 491 t plus Herstellung geteilt durch die Zahl der Falcon-9-Starts (2015: 6.376 t ÷ 7; 2025: 491 t + 3.360 t ÷ 165). Oberstufe, Starship-Hardware und Bergungsschiffe sind nicht enthalten. Weltweit: 63.000 t Treibstoff bei 186 Starts 2022 (Barker et al. 2024) = rund 339 t je Start, mal Startzahl; gleicher Treibstoffmix angenommen, daher nur „grob vervierfacht“.

Wiederverwendung macht den einzelnen Start sauberer, aber nicht die Raumfahrt: Weil Starten billiger wird, wird öfter gestartet, und der Treibstoff brennt jedes Mal neu. Ohne Wiederverwendung hätten die 157 Wiederflüge 2025 nach derselben Annahme rund 66.000 t CO₂-Äq. zusätzlich für neue Erststufen verursacht, sofern es so viele Starts überhaupt gegeben hätte. Ob ohne wiederverwendbare Booster weniger gestartet worden wäre, lässt sich nicht beweisen; auch China steigerte seine Startversuche ohne Wiederverwendung auf 92 im Jahr 2025. Sicher ist: Für die Stratosphäre zählt der Treibstoff, nicht die Werkhalle, und der wächst mit jeder zusätzlichen Mission.

Warum wirken Ruß und Aluminiumoxid in der Stratosphäre so stark?

Ruß aus Raketen wirkt je Kilogramm rund 500-mal stärker auf das Klima als Ruß aus Quellen am Boden, weil er in der Stratosphäre mehr als zwei Jahre verbleibt und dort Sonnenlicht absorbiert. Das ist das zentrale Ergebnis von Ryan, Marais, Balhatchet und Eastham (University College London, MIT) aus dem Jahr 2022.

Ruß erwärmt die Schicht, in der er schwebt, und verändert damit Temperatur und Chemie der Stratosphäre. Für das Emissionsjahr 2019 berechnete die Studie, dass Raketenstarts und Wiedereintritte die Ozonschicht in der oberen Stratosphäre hoher nördlicher Breiten im Frühjahr um rund 0,15 % ausdünnen; je etwa zur Hälfte durch Stickoxide aus verglühenden Objekten und Chlor aus Feststoffboostern. Eine Modellstudie von Maloney et al. (2022) zeigt für ein Szenario mit rund 10.000 t Raketenruß pro Jahr, etwa dem Zehnfachen heutiger Mengen, eine Erwärmung der Stratosphäre um 0,5 bis 2 °C und eine messbare Ozonabnahme.

Wie viel Ruß heute anfällt, ist nicht gemessen, nur abgeschätzt. Setzt man 2 bis 4 % der Kerosinmasse als Ruß an, emittierten allein die Falcon-9-Starts 2025 rund 500 bis 1.000 t Ruß (eigene Abschätzung). Methan verbrennt deutlich rußärmer als Kerosin, Wasserstoff rußfrei. Die Wahl des Treibstoffs entscheidet damit mehr über die Klimawirkung als das CO₂.

Was macht die Raumfahrt mit der Erde: Ozonschicht, Wiedereintritt und Weltraummüll?

Die Raumfahrt belastet die Erde an zwei Stellen: beim Start durch Abgase in der Stratosphäre und am Ende der Mission durch Satelliten, die beim Wiedereintritt verglühen und Aluminiumoxid-Partikel hinterlassen. 2025 traten 1.144 Satelliten wieder in die Atmosphäre ein, 1.123 davon unkontrolliert.

Die Masse der unkontrolliert verglühten Satelliten lag 2025 bei rund 290 t, rund 800 kg pro Tag (McDowell). Ein Satellit von 250 kg mit 30 % Aluminium erzeugt beim Verglühen rund 30 kg Aluminiumoxid-Nanopartikel. Ferreira et al. (Geophysical Research Letters, 2024) berechneten für 2022 rund 17 t, achtmal so viel wie 2016. Bei vollem Ausbau der geplanten Konstellationen wären es rund 360 t pro Jahr, 646 % über dem natürlichen Niveau aus Meteoriten. Die Partikel brauchen bis zu 30 Jahre, bis sie in die Ozonschicht absinken, und begünstigen dort Reaktionen, die Ozon abbauen.

Starlink-Satelliten sind für rund fünf Jahre ausgelegt und werden danach gezielt zum Absturz gebracht, damit sie keinen Schrott in der Umlaufbahn hinterlassen. Was Kollisionen und Trümmer im Orbit angeht, ist das ein Gewinn; für die Atmosphäre verlagert es das Problem von oben nach unten. Wie viele Trümmerteile heute die Erde umkreisen, beschreibt der Artikel zum Weltraummüll und Kollisionsrisiko im Orbit. Wie die Ozonschicht mit dem Treibhauseffekt zusammenhängt, erklärt die Seite zum Treibhauseffekt.

Wie groß ist die Raumfahrt im Vergleich zur Luftfahrt?

Beim CO₂ ist die Raumfahrt winzig im Vergleich zur Luftfahrt: Die kommerzielle Luftfahrt stieß 2024 rund 950 Mio. t CO₂ aus, die SpaceX-Starts 2025, rund die Hälfte aller Starts weltweit, rund 95.000 t oder 0,01 %; alle Raketenstarts zusammen verbrannten 2022 rund 0,02 % der Treibstoffmenge der Luftfahrt. Die eigentliche Sorge ist der Ruß in der Stratosphäre, der rund 500-mal stärker wirkt als Ruß am Boden.

goClimate-Rechnung
goClimate-Rechnung: Raumfahrt und Luftfahrt in Größenordnungen
GrößeLuftfahrtRaumfahrtVerhältnis
CO₂ pro Jahrrund 950 Mio. t (2024)rund 95.000 t (nur SpaceX, 2025)rund 0,01 %
Treibstoff pro Jahrrund 300 Mio. t Kerosin63.000 t (alle Starts, 2022)rund 0,02 %
Abgashöherund 10 bis 12 kmüberwiegend über 40 km–
Wirkung von Ruß je kgReferenz Bodenrund 500-mal stärker–

Beim CO₂ ist die Raumfahrt ein Rundungsfehler der Luftfahrt, bei Ruß und Ozon nicht. So haben wir gerechnet: 95.109 t ÷ 950 Mio. t = 0,010 %; Kerosin der Luftfahrt 950 Mio. t ÷ 3,16 (ICAO-Faktor) = rund 300 Mio. t; 63.000 t Raketentreibstoff 2022 (Barker et al. 2024) ÷ 300 Mio. t = 0,021 %. Luftfahrt-CO₂ nach IATA, Rußfaktor nach Ryan et al. 2022.

Die Luftfahrt verursacht rund 2 % der weltweiten CO₂-Emissionen, mit Kondensstreifen und Stickoxiden rund 3,5 % der menschgemachten Erwärmung (Lee et al. 2021); ihre Nicht-CO₂-Effekte erhöhen die Klimawirkung je Flug um den Faktor 1,5 bis 3. Die Raumfahrt hat eine ähnliche Struktur, nur stärker ausgeprägt: Ihr CO₂ ist vernachlässigbar, ihre Höhenwirkung nicht. Weil diese Wirkung mit der Startzahl wächst, ist der Trend wichtiger als der heutige Wert. Details zur Luftfahrt stehen auf der Seite zu den Emissionen des Flugverkehrs, Wege zu ihrer Senkung bei der Dekarbonisierung der Luftfahrt mit SAF und Emissionshandel.

Wie schädlich ist Weltraumtourismus?

Weltraumtourismus ist pro Person die klimaschädlichste Reiseform überhaupt: Teilen sich vier Passagiere einen Orbitalflug mit einer Falcon 9, entfallen auf jeden rund 120 t CO₂ aus dem Treibstoff, so viel wie der Fußabdruck eines Menschen in Deutschland in zwölf Jahren.

Suborbitale Kurzflüge sind kleiner, aber nicht harmlos. Blue Origin fliegt die New Shepard mit Wasserstoff und Sauerstoff; sie stößt kein CO₂ aus, aber Wasserdampf in großer Höhe. Virgin Galactic nutzt einen Hybridantrieb aus Kunststoff-Brennstoff und Lachgas, der viel Ruß erzeugt. Ryan et al. (2022) haben ein Szenario mit stark wachsendem Weltraumtourismus gerechnet: Der Ozonabbau durch Raketen und Wiedereintritte würde sich dann etwa verdoppeln, und der Anteil von Ruß an der Erwärmung durch die Raumfahrt stiege deutlich.

So haben wir gerechnet: 491 t CO₂ je Falcon-9-Start ÷ 4 Personen = rund 123 t; ÷ 9,8 t CO₂-Äq. Fußabdruck je Person und Jahr (UBA) = rund 12,5 Jahre. Ein Hin- und Rückflug Frankfurt–Mallorca verursacht im Vergleich rund 185 kg CO₂ je Person.

Was zeigen Isar Aerospace und Ariane 6 für die europäische Raumfahrt?

Europa startet wenig: 2025 kamen 7 der 329 Startversuche weltweit aus dem europäischen Raumfahrtzentrum Kourou. Mit Ariane 6 und neuen Kleinträgern aus Deutschland wächst die Zahl, und damit auch der europäische Anteil an den Emissionen in der Stratosphäre.

Fallbeispiel

Isar Aerospace, Ottobrunn: Spectrum erreicht den Orbit (Stand Oktober 2026)

  • Erster Flug am 30. März 2025 vom Andøya Spaceport in Norwegen, nach rund 30 Sekunden abgebrochen
  • Zweiter Flug „Onward and Upward“ am 5. September 2026, 22:12 Uhr MESZ: Orbit erreicht, Satelliten ausgesetzt; erster erfolgreicher Orbitalflug aus Nordeuropa (startbase, 06.09.2026)
  • Nutzlasten aus dem Microlauncher-Wettbewerb des DLR, finanziert über ESA Boost!
  • Raketen 3 bis 7 in Produktion; neues Werk mit rund 40.000 m² für bis zu 40 Raketen pro Jahr; zweiter Startplatz in Nova Scotia (Kanada) geplant
  • Spectrum: zweistufig, Propan und flüssiger Sauerstoff, rund 1.000 kg Nutzlast in eine niedrige Umlaufbahn
Einordnung

Was der Fall zeigt

Isar Aerospace ist ein Gewinn für die europäische Unabhängigkeit, klimatisch aber ein weiterer Baustein des Wachstums. Propan verbrennt rußärmer als Kerosin und ergibt mit 2,99 kg CO₂ je kg etwas weniger CO₂ als RP-1; die Treibstoffmenge je Start hat das Unternehmen nicht veröffentlicht, deshalb nennen wir keine Zahl je Start. Wichtiger ist die Kapazität: 40 Raketen pro Jahr aus einem Werk wären mehr als fünfmal so viele Starts, wie Europa 2025 insgesamt hatte. Wer europäische Startkapazität fördert, sollte von Beginn an Messungen der Abgase in der Höhe und eine Lebenszyklusbilanz je Start verlangen.

Fallbeispiel

Ariane 6, ESA und ArianeGroup: Wasserstoff mit Feststoffboostern

  • Erstflug am 9. Juli 2024 von Kourou (Französisch-Guayana)
  • Hauptstufe mit fast 154 t, Oberstufe mit rund 30 t flüssigem Wasserstoff und Sauerstoff; das Oberstufentriebwerk Vinci kann bis zu viermal zünden
  • Je Feststoffbooster P120C rund 142 t Festtreibstoff; Ariane 62 mit zwei, Ariane 64 mit vier Boostern; Startmasse fast 900 t (ESA)
Einordnung

Was der Fall zeigt

Ariane 6 zeigt, dass „Wasserstoffrakete“ nicht „sauber“ heißt. Die Hauptstufe stößt nur Wasserdampf aus, doch die Feststoffbooster setzen nach unserer Rechnung je Ariane-62-Start rund 130 t CO₂, rund 97 t Aluminiumoxid und rund 60 t Chlorwasserstoff frei. Chlor und Aluminiumoxid sind genau die Stoffe, die in der Stratosphäre Ozon abbauen. Beim CO₂ liegt Ariane 62 unter einer Falcon 9, bei Ozon schädigenden Stoffen deutlich darüber. Ein fairer Vergleich von Raketen braucht deshalb mehr als eine CO₂-Zahl.

Gibt es klimafreundliche Raketen?

Eine klimaneutrale Rakete gibt es nicht, aber große Unterschiede: Raketen mit Wasserstoff stoßen kein CO₂ und keinen Ruß aus, Methan verbrennt deutlich rußärmer als Kerosin, und Feststoffbooster sind wegen Chlor und Aluminiumoxid für die Ozonschicht am problematischsten.

Wasserstoff ist nur so sauber wie seine Herstellung. Heute stammt er überwiegend aus Erdgas; erst grüner Wasserstoff aus Elektrolyse senkt auch die Vorkette. Methan kann künftig aus Biogas oder als synthetischer Treibstoff kommen, das senkt den fossilen Anteil, nicht aber den Ruß und das CO₂ am Abgasstrahl. Die wirksamsten Hebel liegen deshalb außerhalb der Rakete: weniger und besser ausgelastete Starts, langlebige Satelliten statt häufigen Austauschs und verbindliche Umweltprüfungen vor neuen Konstellationen.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Für die meisten Unternehmen ist die Raumfahrt in der Klimabilanz kein wesentlicher Posten; relevant wird sie für Zulieferer der Raumfahrtindustrie und für Unternehmen, die mit Satellitendiensten oder „klimaneutralen“ Raumfahrtprodukten werben. Der Entwurf eines EU-Weltraumgesetzes (EU Space Act) vom 25. Juni 2025 sieht für Betreiber eine Erklärung zum Umwelt-Fußabdruck über den gesamten Lebenszyklus vor.

  • Zulieferer: Der Entwurf verpflichtet Betreiber, Umweltdaten vertraglich von ihren Lieferanten einzuholen; geplanter Anwendungsbeginn ist der 1. Januar 2030 (Stand Oktober 2026: im Gesetzgebungsverfahren). Wer Bauteile für Raketen oder Satelliten liefert, sollte Produkt-Fußabdrücke früh vorbereiten.
  • Scope 3: Satellitenkommunikation oder Erdbeobachtungsdaten fallen unter eingekaufte Dienstleistungen. Belastbare Emissionsfaktoren je Dienst fehlen; ehrlich ist, die Lücke im Bericht zu benennen statt sie mit Schätzwerten zu füllen.
  • Kommunikation: Aussagen wie „klimaneutraler Start“ beruhen meist auf Kompensation des CO₂ und blenden Ruß, Chlor und Aluminiumoxid aus. Vor solchen Aussagen die Regeln zu Greenwashing und Umweltaussagen prüfen; zur Kompensation selbst siehe CO₂-Kompensation: Wann ist ein Ausgleich seriös?.
  • Eigene Emissionen: Die Hebel im eigenen Unternehmen sind größer als jede Rakete. Einen Überblick gibt die Seite zum CO₂-Fußabdruck von Personen und Unternehmen, die Größenordnung für den Einzelnen der CO₂-Rechner von goClimate.

Weitere Seiten zum Thema: Emissionen · Emissionen des Verkehrs · Klimaerwärmung · Weltraummüll · CO₂-Ausstoß im Alltag

Häufige Fragen zu Emissionen der Raumfahrt

Wie viel CO₂ verursacht ein Raketenstart?

Ein Start der Falcon 9 setzt aus dem Treibstoff rund 490 t CO₂ frei, ein Start von Starship mit Super Heavy rund 2.830 t (goClimate-Rechnung). Wasserstoffraketen stoßen kein CO₂ aus, Feststoffbooster wie bei der Ariane 6 vor allem Aluminiumoxid und Chlorwasserstoff.

Ist ein Raketenstart schlimmer als ein Flug?

Ja, um ein Vielfaches: Ein Falcon-9-Start verursacht so viel CO₂ wie rund 35 Flüge eines A320 von Frankfurt nach Palma. Insgesamt ist die Raumfahrt beim CO₂ aber winzig: Alle SpaceX-Starts 2025 zusammen entsprachen rund 0,01 % des CO₂ der Luftfahrt; ihr Problem ist der Ruß in der Stratosphäre.

Wie viele Raketenstarts gibt es pro Jahr?

2025 gab es weltweit 329 orbitale Startversuche, so viele wie nie, nach 87 im Jahr 2015. SpaceX allein flog 2025 165-mal. Bis Ende September 2026 zählte Jonathan McDowell 235 Startversuche.

Sind wiederverwendbare Raketen umweltfreundlicher?

Nur je Start: Je Falcon-9-Start sanken die Emissionen aus Treibstoff und Erststufen-Herstellung nach goClimate-Rechnung um rund 44 %. Der Treibstoff wird aber bei jedem Start vollständig verbrannt, und die Zahl der Starts hat sich vervielfacht: Das CO₂ aus dem Treibstoff von SpaceX stieg von 2015 bis 2025 auf rund das 28-Fache.

Schadet Raumfahrt der Ozonschicht?

Ja, bislang in kleinem, aber wachsendem Umfang. Raketen und Wiedereintritte dünnten die Ozonschicht in der oberen Stratosphäre hoher nördlicher Breiten im Frühjahr um rund 0,15 % aus (Emissionsjahr 2019). Chlor aus Feststoffboostern und Aluminiumoxid aus verglühenden Satelliten treiben den Abbau.

Wie klimaschädlich ist Weltraumtourismus?

Sehr: Bei vier Passagieren auf einer Falcon 9 entfallen auf jeden rund 120 t CO₂, so viel wie der Fußabdruck eines Menschen in Deutschland in zwölf Jahren. Ein Szenario mit stark wachsendem Weltraumtourismus würde den Ozonabbau durch die Raumfahrt etwa verdoppeln.