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Plastikalternativen: Plastik aus Pilzen

Auf der ganzen Welt ist Plastik ein immer größer werdendes Problem: Jetzt wurde ein Rohstoff entdeckt, der eine Alternative für herkömmliche Kunststoffe sein könnte: Pilze. In diesem Artikel erklären wir, warum sich Pilze als Verpackungsmaterial eignen und stellen einige Unternehmen und Forscher vor, die Verpackungen, Möbel und Leder aus Champignons herstellen.

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Plastikalternativen: Pilze statt Plastik?

Die Probleme rund um Plastik und Plastikmüll sind mittlerweile gut bekannt: Herkömmlicher Kunststoff verursacht große Mengen an Müll, ist nicht biologisch abbaubar und gelangt als winzige Partikel, oder Mikroplastik, in unsere Umwelt. Aus diesem Grund arbeiten viele Forscher an einer nachhaltigen Alternative für das einst so beliebte Verpackungsmaterial. Eine der möglichen Lösungen kommt sogar direkt aus der Erde: Pilze.

Pilzfasern, sogenannte Myzelien, können nämlich eine Art natürliches Pendant zu Kunststoffen aus fossilen Polymeren darstellen. Pilze leben in fast allen Böden und sind vollständig biologisch abbaubar. Sie eignen sich besonders gut als Werkstoffe, da sie schnell und fast überall wachsen. Experimente italienischer Forscher zeigten zudem, dass die chemischen und mechanischen Eigenschaften der Pilz-Biopolymere aus Zellulose, Chitin und Proteinen durch das Nährstoffangebot einstellbar ist. So ist die Beschaffenheit von Pilz-Plastik auch zum Teil beeinflussbar und kann verschiedene Verpackungsmaterialien ersetzen.

Materialien auf Pilz-Basis eignen sich besonders gut als Verpackung, da sie wasserabweisend und im getrockneten Zustand mit einer Dichte von 0,10 bis 0,15 g/cm3 relativ leicht sind. Ein weiteres Plus für Materialien aus Pilzfasern: Sie sind schwer entflammbar. Mit dieser Eigenschaft sind Pilz-Materialien nicht nur eine gute Alternative zu herkömmlichen Plastik-Verpackungen, sondern lassen sich auch zu Dämmstoffen verarbeiten. Dadurch lassen sich Werkstoffe aus Pilzen unter anderem auch im Bereich Hausbau und Isolierung sowie als Polystyrol- und Styroporersatz einsetzen.

Wie wird umweltfreundliches Verpackungsmaterial aus Pilzen gemacht?

Es gibt verschiedene Verfahren, mit denen Werkstoffe, Verpackungen und Produkte aus Pilzen hergestellt werden können. Grundsätzlich, wird den Pilzkulturen ein pasteurisiertes Substrat aus nicht essbare Bio-Abfälle wie Weizenspreu, Sägespäne oder sonstige Agrarnebenprodukte oder -Abfälle zugefügt. Die Myzelien ernähren sich von dem Pflanzen-Rest und bilden dabei eine feste Masse. Nach etwa einer Woche ist das Wachstum der Pilze abgeschlossen. Die Pilzfasern werden dann in eine für die spätere Anwendung konstruierte Form gegeben. Anschließend muss das Pilz-Material noch getrocknet werden, damit es als Verpackungs- oder Isoliermaterial später nicht weiter schimmelt.

Eine italienische Studie zeigte, dass sich die Dichte der Pilz-Verpackung durch die Zusammensetzung der verwendeten Agrar-Abfälle steuern lässt. So kann – je nach Einsatzwunsch – ein unterschiedlich dichtes, mehr oder weniger hartes Material aus Pilzen erzeugt werden.

Verpackungsmaterial: Pilze statt Styropor

Das New Yorker Unternehmen Ecovative Design macht sich das Geflecht aus Pilzen schon heute zu nutzen. Schon im Jahr 2007 begann das Unternehmen Styropor durch Pilz-Material zu ersetzen. Mit Myzelien, die sich von Rest-Produkten aus der Landwirtschaft wie Hanf oder Maisblättern ernähren, produziert Ecovative Design unter anderem Pilz-Verpackungen als nachhaltigen Ersatz für Styropor Verpackungen.

Damit trifft das New Yorker Unternehmen einen empfindlichen Nerv: Denn Styropor und verwandte EPS-Produkte wie Polystyrol sind strenggenommen Sondermüll und leben länger als 10.000 Jahre ohne zu verrotten. Vor allem im Meer ist die Anzahl von Styropor und Plastik-Partikeln mittlerweile ein großes Problem.

Das Pilz-Material von Ecovative Design ist im Gegensatz zu Styropor nach der Verwendung biologisch abbaubar und kann in normalem Boden innerhalb von nur 45 Tagen komplett kompostiert werden. Das New Yorker Ecovative Design bietet neben dem Ersatz-Material für Styropor auch andere Pilz- Kunststoffe, Kosmetik, Pilz-Leder und veganes Fleisch an.

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Von Pilzkulturen zu Veganem Leder

Pilzleder ist nicht nur tierfreundlich und vegan, sondern auch von großem Vorteil für die Natur. Denn für eine Tierhaut muss ein Rind erst einmal zwei Jahre wachsen und verbraucht dabei eine Menge Ressourcen. Mittlerweile produzieren verschiedene Unternehmen und Wissenschaftler auf der ganzen Welt lederartige Produkte aus Pilzkulturen als Ersatz zu Kuhleder. Da sich Pilzkulturen über die Art der Nährstoffe und Wachstumsbedingungen wie Temperatur, Feuchtigkeit, Licht oder Belüftung beeinflussen lassen, kann Pilzleder mit den unterschiedlichsten Oberflächenstrukturen gezüchtet und anschließend geformt, gefärbt und genäht werden.

Neben Ecovative Design brachte auch das indonesische Start-up Mycotech ein Textil-Material aus Pilzen auf den Markt. Beim Start-up Mycoworks aus San Francisco kommen für das Material Pilze aus der traditionellen chinesischen Medizin zum Einsatz. In Deutschland forschen Studierende und Wissenschaftler an der TU Berlin daran, Kleidung, Möbel, Lampenschirme und Baustoffe aus Pilzen herzustellen. Jeder Hersteller wirbt bei seinen Produkten damit, bisher einzigartige Arbeit zu leisten und Pionier im Bereich der Pilz-Materialien zu sein. Leider sind die meisten Pilz-Materialien der Hersteller nur auf Werbefotos oder als Kunstwerke auf verschiedenen Fashionweeks zu sehen. In Deutschland ist noch keines der Produkte auf dem Markt preiswert erhältlich.

Ähnlich wie beim Styropor und Kunststoff-Ersatz wird bei Pilz-Textilien durch den bewussten Einsatz von Temperatur, Feuchtigkeit, Licht oder Belüftung ein Material erzeugt, dass weich, belastbar, dehnbar und wasserfest ist. Durch einen Trocknungsprozess wird das Wachstum der Pilze gestoppt und das Leder behält die gewünschte Stärke.

Laut Philip Ross, Mitgründer des Start-ups Mycoworks aus San Francisco, lässt sich Pilzleder auch zu beliebig großen Flächen züchten. Dazu brauche man als Hersteller keine aufwendige Technik. Denn bei Pilz-Materialien ist weder ein Einsatz von giftigen Chemikalien noch aufwendige Recycling.-Verfahren notwendig.

Ob nun unter Verwendung biologischer Abfälle aus der Landwirtschaft oder der Einsatz von traditionell chinesischen Champignons: Auch in der Textilbranche besteht ein großer Markt für den Ersatz traditioneller Kunststoffe. Denn immer mehr Unternehmen befassen sich mit dem Thema Nachhaltigkeit.

Pilze retten die Umwelt: Pilze gegen Plastikmüll

Neben ihrem Potenzial, verschiedene Kunststoffe und Verpackungsmaterialien zu ersetzen, haben einige Pilzkulturen eine weitere Fähigkeit, die der Natur zugutekommt: So fanden Wissenschaftler kürzlich heraus, dass es Pilze gibt, die Plastik fressen. Einige Arten der Pilze können so Plastikmüll und Mikroplastik zersetzen und damit die Belastung der Umwelt durch Plastik reduzieren.

Die Wunderorganismen können noch mehr: Mit einem Pilzbestattungsanzug kann man sich jetzt auch ökologisch bestatten lassen. Zugegeben eine etwas makabere Vorstellung, aber im Sinne der Nachhaltigkeit vielleicht eine Überlegung wert. 🌱


Quellen:

https://www.mycoworks.com/our-products

https://mycl.bio/

https://www.ted.com/talks/eben_bayer_are_mushrooms_the_new_plastic

https://www.ecovative.com/

https://mushroompackaging.com/

https://www.wiwo.de/my/technologie/umwelt/oekorohstoff-pilze-sind-das-neue-plastik/26275998.html?ticket=ST-152287-1wcIGQxxmeruyWCEogag-cas01.example.org

Bildquellen

  • Pilze, die Plastik fressen: iStock/OliverSchulz