Emissionshandel: Wie funktionieren EU-ETS, ETS 2 und der nationale CO₂-Preis?
Emissionshandel erklärt: Cap-and-Trade, EU-ETS 1, ETS 2 ab 2028, nationaler CO₂-Preis 55–65 €, Einnahmen, Kritik und Folgen für Unternehmen. Stand 10/2026.
Von Johanna Jung · aktualisiert am · 14 Min. Lesezeit
Kurz erklärt
Emissionshandel ist ein marktwirtschaftliches Klimaschutzinstrument, bei dem der Staat eine Obergrenze (Cap) für Treibhausgasemissionen festlegt und dafür handelbare Zertifikate ausgibt. Wer emittiert, muss je Tonne CO₂ ein Zertifikat abgeben; die Obergrenze sinkt jedes Jahr, der Preis bildet sich am Markt.
Preis EU-ETS 1 (5. Oktober 2026)
82,40 € je t CO₂Dezember-Kontrakt, S&P Global
Nationaler CO₂-Preis 2026
55–65 € je t CO₂Preiskorridor nach BEHG
Einnahmen Deutschland 2025
21,4 Mrd. €vollständig in den Klima- und Transformationsfonds, DEHSt
Das 60-Sekunden-Video erklärt das Cap-and-Trade-Prinzip: Eine Obergrenze legt die Gesamtmenge fest, Unternehmen handeln Zertifikate untereinander. Preise und Regeln im Video entsprechen dem Stand vor 2023; aktuelle Werte stehen im Text.
Wie funktioniert Emissionshandel nach dem Cap-and-Trade-Prinzip?
Emissionshandel funktioniert über eine Obergrenze (Cap) und den Handel (Trade) mit Zertifikaten: Der Staat legt fest, wie viele Tonnen Treibhausgase alle erfassten Anlagen zusammen ausstoßen dürfen, und gibt genau so viele Zertifikate aus. Jedes Zertifikat berechtigt zum Ausstoß von einer Tonne CO₂-Äquivalent.
Die Betreiber berichten jedes Jahr ihre geprüften Emissionen und geben bis zum Stichtag entsprechend viele Zertifikate ab. Wer seine Emissionen günstiger senken kann, als ein Zertifikat kostet, tut das und verkauft überzählige Zertifikate; wer teurer vermeiden müsste, kauft zu. So entsteht die Minderung dort, wo sie am wenigsten kostet. Die Menge regelt der Staat, den Preis der Markt. Bei einer CO₂-Steuer ist es umgekehrt: Der Staat setzt den Preis, die Menge ergibt sich.
Die Idee stammt aus dem US-Programm gegen sauren Regen von 1990 und wurde mit dem Kyoto-Protokoll zum Instrument der Klimapolitik. Die EU beschloss ihr System 2003 mit der Richtlinie 2003/87/EG und startete es am 1. Januar 2005. Heute gilt sie in den 27 EU-Staaten sowie in Norwegen, Island und Liechtenstein. Verfehlt ein Betreiber die Abgabepflicht, zahlt er nach EU-Recht eine Strafe von 100 € je Tonne, inflationsbereinigt, und muss die fehlenden Zertifikate trotzdem nachreichen.
Welche Emissionshandelssysteme gelten in Deutschland?
In Deutschland gelten 2026 zwei Emissionshandelssysteme: der europäische EU-ETS 1 für Kraftwerke, Industrie, Luft- und Seeverkehr und der nationale Emissionshandel nach dem Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) für Heiz- und Kraftstoffe. Ab 2028 übernimmt der europäische ETS 2 die Brennstoffe für Gebäude und Straßenverkehr.
Der Unterschied liegt im Ansatzpunkt. Im EU-ETS 1 ist der Betreiber eines Kraftwerks oder einer Industrieanlage verpflichtet, also der Emittent selbst (Downstream). Im BEHG und im ETS 2 sind die Unternehmen verpflichtet, die Brennstoffe in Verkehr bringen, etwa Mineralölhändler und Gaslieferanten (Upstream). Sie reichen den CO₂-Preis über den Heizöl-, Gas- und Kraftstoffpreis an Haushalte und Betriebe weiter.
Emissionshandelssysteme in Deutschland im Vergleich (Stand Oktober 2026)
Merkmal
EU-ETS 1
Nationaler Emissionshandel (BEHG)
EU-ETS 2
Start
1. Januar 2005
1. Januar 2021
2028 (statt 2027)
Erfasst
Strom- und Wärmeerzeugung, energieintensive Industrie, Luftverkehr im EWR, Seeverkehr seit 2024
Heizöl, Erdgas, Benzin, Diesel und weitere Brennstoffe außerhalb des EU-ETS 1
Brennstoffe für Gebäude, Straßenverkehr und kleine Industrie
Verpflichtet
Anlagen-, Luftfahrzeug- und Schiffsbetreiber
Inverkehrbringer der Brennstoffe
Inverkehrbringer der Brennstoffe
Preis
Markt: 73,86 € (Ø 2025), 82,40 € (5.10.2026)
55–65 € (2026), Entwurf 2027: 55–65 €
Markt mit Preisstabilitätsmechanismus
Einnahmen Deutschland 2025
5,4 Mrd. €
16 Mrd. €
noch keine
Der nationale Emissionshandel bringt Deutschland heute rund dreimal so viel Geld ein wie der europäische, weil er die Brennstoffe von Millionen Haushalten und Fahrzeugen erfasst. Quellen: DEHSt nach ZfK (07.01.2026), S&P Global (05.10.2026), Deutscher Bundestag hib 692/2026.
Welche Sektoren erfasst der EU-ETS 1 und wie stark sinkt der Cap?
Der EU-ETS 1 erfasst rund 40 % der Treibhausgasemissionen der EU: Strom- und Wärmeerzeugung, energieintensive Industrie wie Stahl, Zement, Chemie und Raffinerien, den Luftverkehr innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums und seit 2024 den Seeverkehr. Der Cap sinkt seit 2024 um 4,3 % pro Jahr und ab 2028 um 4,4 %.
Mit der Reform von 2023 (Richtlinie (EU) 2023/959) hat die EU das Ziel für die erfassten Sektoren auf −62 % bis 2030 gegenüber 2005 angehoben. Zusätzlich wurde die Zertifikatmenge 2024 einmalig um 90 Mio. und 2026 um 27 Mio. Zertifikate gekürzt (Rebasing). In Deutschland fallen 1.794 Industrie- und Energieanlagen unter den EU-ETS 1. Sie meldeten für 2025 rund 264 Mio. t CO₂-Äq., 3,2 % weniger als 2024. Davon stammen rund 167 Mio. t aus der Energiewirtschaft und rund 97 Mio. t aus der Industrie. EU-weit sanken die Emissionen im EU-ETS 2025 um 1,3 %; seit 2005 haben sie sich laut EU-Kommission ungefähr halbiert.
Steckbrief EU-ETS 1 in Deutschland und der EU
Stationäre Anlagen in Deutschland
1.794 (2025)
Emissionen der deutschen Anlagen 2025
rund 264 Mio. t CO₂-Äq. (−3,2 % ggü. 2024)
davon Energie / Industrie
rund 167 / 97 Mio. t (−2 % / −5 %)
Luftverkehr (deutsche Betreiber) 2025
rund 8,8 Mio. t (−2,2 %)
Veränderung EU-ETS gesamt 2025
−1,3 % ggü. 2024
Linearer Kürzungsfaktor
4,3 % (2024–2027), 4,4 % (ab 2028)
Ziel der erfassten Sektoren
−62 % bis 2030 ggü. 2005
Die deutschen ETS-Anlagen haben ihre Emissionen in 20 Jahren etwa halbiert; der Rückgang 2025 geht vor allem auf schwache Industrieproduktion zurück. Quellen: UBA Pressemitteilung 17/2026 (07.07.2026), EU-Kommission (April 2026), Richtlinie (EU) 2023/959.
Die Zahl von 167 Mio. t für Energieanlagen weicht vom Inventarwert der Energiewirtschaft ab (189,1 Mio. t CO₂-Äq. 2025 laut UBA), weil das Inventar auch Anlagen und Gase außerhalb des Emissionshandels zählt. Wie sich alle Sektoren entwickeln, zeigt die Seite Emissionen nach Sektoren in Deutschland.
Wie hat sich der CO₂-Preis im EU-Emissionshandel entwickelt?
Der CO₂-Preis im EU-ETS 1 lag bis 2017 meist unter 10 € je Tonne, stieg nach der Reform von 2018 deutlich und erreichte 2025 im Durchschnitt der deutschen Versteigerungen 73,86 €. Am 5. Oktober 2026 notierte der Dezember-Kontrakt bei 82,40 €, einem Sieben-Wochen-Tief.
Der niedrige Preis der ersten zwölf Jahre hatte eine Ursache: Es gab zu viele Zertifikate. Die Wirtschaftskrise ab 2008, großzügige kostenlose Zuteilung und internationale Gutschriften erzeugten einen Überschuss von zeitweise mehr als 2 Mrd. Zertifikaten. Die Reform von 2018 (Richtlinie (EU) 2018/410) schärfte die Marktstabilitätsreserve (MSR), die seit 2019 arbeitet: Sie nimmt einen Teil des Überschusses aus dem Umlauf, seit 2023 werden Zertifikate in der Reserve oberhalb einer Schwelle gelöscht. Die Aufnahmerate liegt bis 2030 bei 24 % des Überschusses.
CO₂-Preise in Deutschland: EU-ETS 1 und nationaler Emissionshandel
Jahr
EU-ETS 1 (Ø Versteigerung DE)
BEHG (Festpreis bzw. Korridor)
2021
Marktpreis
25 €
2022
Marktpreis
30 €
2023
Marktpreis
30 €
2024
65,00 €
45 €
2025
73,86 €
55 €
2026
82,40 € am 5.10.
55–65 €
2027
offen
55–65 € (Gesetzentwurf)
Der europäische Marktpreis liegt 2026 rund 17 bis 27 € über dem politisch gesetzten nationalen Preis. Quellen: DEHSt nach ZfK (07.01.2026), S&P Global (05.10.2026), BEHG, Deutscher Bundestag hib 692/2026.
Händler erwarteten im Oktober 2026 eine Spanne von etwa 82 bis 87 € und sahen 95 € als wahrscheinliche Obergrenze des Jahres. Politische Signale bewegen den Preis stärker als Wetter oder Konjunktur: Italien und Tschechien forderten vor dem Europäischen Rat am 15. und 16. Oktober 2026, die Aufnahme von rund 190 Mio. Zertifikaten in die MSR auszusetzen. Das entspricht etwa 39 % einer Jahresversteigerungsmenge.
Hat der Emissionshandel die Emissionen gesenkt?
Ja, vor allem in der Stromerzeugung: Seit der Preis nach 2018 über 20 € und später über 60 € je Tonne stieg, verdrängt Strom aus Gas und erneuerbaren Energien Kohlestrom. Die Emissionen im EU-ETS haben sich seit 2005 ungefähr halbiert, in Deutschland ebenso. In der Industrie wirkt der Preis schwächer, weil sie lange kostenlose Zertifikate erhielt.
2025 zeigte die EU-Stromerzeugung das Muster deutlich: Die Emissionen aus Kohlekraftwerken sanken um 6,8 %, die Stromerzeugung aus Erdgas stieg um 11,4 %, die Solarerzeugung um 24,6 %. Weil jede Megawattstunde Braunkohlestrom etwa dreimal so viele Zertifikate braucht wie eine aus einem modernen Gaskraftwerk, verschiebt der CO₂-Preis die Einsatzreihenfolge der Kraftwerke. Warum Kohlekraftwerke dabei als Erste aus dem Markt gedrängt werden, zeigt das folgende Fallbeispiel.
Fallbeispiel
RWE: CO₂-Ausstoß und Zertifikatbedarf 2025
CO₂-Emissionen der RWE-Kraftwerke 2025: 50,8 Mio. t, nach 52,6 Mio. t 2024 (RWE Geschäftsbericht 2025)
Davon „Ausstiegstechnologien“ (v. a. Braunkohle): 33,5 Mio. t nach 37,9 Mio. t; flexible Erzeugung (v. a. Gas): 17,3 Mio. t nach 14,7 Mio. t
Braunkohlestrom 2025: 28,2 TWh nach 31,5 TWh; CO₂ je erzeugter MWh im Konzern: 0,415 t nach 0,447 t
14 von 21 Braunkohleblöcken seit 2020 abgeschaltet, Kohleausstieg bis 2030 geplant, Netto-Null bis 2040 (RWE)
Einordnung
Was der Fall zeigt
Bewertet mit dem durchschnittlichen deutschen Versteigerungspreis 2025 von 73,86 € entspricht der Zertifikatbedarf von RWE rund 3,75 Mrd. € pro Jahr, denn Stromerzeuger erhalten seit 2013 keine kostenlosen Zertifikate mehr. Im Braunkohlesegment fallen rund 1,2 t CO₂ je MWh an, also rund 88 € CO₂-Kosten je MWh; im Konzernmittel sind es rund 31 €. Diese Spreizung ist der Mechanismus des Emissionshandels: Er macht die emissionsreichste Erzeugung zuerst unrentabel. Der Fall zeigt aber auch eine Grenze: Die Emissionen der Gaskraftwerke stiegen 2025 um 18 %, weil sie Kohle ersetzten. Der Emissionshandel verschiebt Erzeugung zuerst von Kohle zu Gas; die Lücke zu nahezu null schließen erst erneuerbare Energien und Speicher.
Was ändert sich von 2026 bis 2034: kostenlose Zuteilung, CBAM, Luft- und Seeverkehr?
Ab 2026 baut die EU die kostenlose Zuteilung für Branchen ab, die unter den CO₂-Grenzausgleich CBAM fallen, und versteigert im Luftverkehr alle Zertifikate. Der Seeverkehr muss 2026 erstmals für 100 % seiner erfassten Emissionen Zertifikate abgeben.
Industrieanlagen erhalten seit 2005 einen Teil ihrer Zertifikate kostenlos, um eine Abwanderung von Produktion ins Ausland zu verhindern (Carbon Leakage). Für Zement, Stahl, Aluminium, Düngemittel, Wasserstoff und Strom sinkt dieser Anteil von 97,5 % der Benchmark-Menge 2026 auf 51,5 % 2030 und auf null 2034. Parallel verlangt CBAM seit 1. Januar 2026 von Importeuren dieser Waren Zertifikate für die enthaltenen Emissionen, deren Preis sich am EU-ETS orientiert. Wie das die Stahlbranche trifft, beschreibt die Seite zur Dekarbonisierung der Stahlindustrie mit CBAM und Grünstahl.
Im Luftverkehr endete die kostenlose Zuteilung mit 2025; Fluggesellschaften kaufen ab 2026 alle Zertifikate für Flüge im Europäischen Wirtschaftsraum. Die Seite zur Dekarbonisierung der Luftfahrt mit ETS und SAF-Quoten ordnet das ein. Im Seeverkehr galt die Abgabepflicht für 40 % der Emissionen 2024 und 70 % 2025; rund 640 Reedereien berichteten für 2024 rund 11 Mio. t CO₂-Äq. an die deutsche Behörde. Details zur Schifffahrt im Emissionshandel stehen auf der Seeverkehrsseite.
Die Zuteilung 2026 lief verspätet: Bis 24. September 2026 waren 344,38 Mio. der 444,54 Mio. für das Jahr vorgesehenen kostenlosen Zertifikate übertragen, rund 77 %. Im Juli 2026 legte die EU-Kommission einen Vorschlag zur Überprüfung des Emissionshandels vor; die Staats- und Regierungschefs wollen die Überprüfung bis zum ersten Quartal 2027 abschließen.
Was kostet der CO₂-Preis an der Tankstelle und bei der Heizung?
Bei 55 € je Tonne verteuert der nationale CO₂-Preis einen Liter Benzin um rund 15,5 Cent und einen Liter Heizöl um rund 17,3 Cent, jeweils inklusive Mehrwertsteuer. Bei 65 € sind es 18,3 und 20,5 Cent. Ein Haushalt mit 15.000 kWh Erdgas laut Gasrechnung zahlt 2026 je nach Preis 178 bis 210 € CO₂-Kosten im Jahr.
goClimate-Rechnung
goClimate-Rechnung: CO₂-Aufschlag je Liter und je Haushalt (inkl. 19 % Mehrwertsteuer)
Brennstoff
CO₂ je Einheit
bei 55 €/t
bei 65 €/t
Szenario ETS 2: 100 €/t
Benzin, je Liter
2,37 kg
15,5 ct
18,3 ct
28,2 ct
Diesel, je Liter
2,65 kg
17,3 ct
20,5 ct
31,5 ct
Heizöl, je Liter
2,65 kg
17,3 ct
20,5 ct
31,5 ct
Erdgas, je kWh laut Gasrechnung
0,181 kg
1,2 ct
1,4 ct
2,2 ct
Haushalt Erdgas, 15.000 kWh/Jahr laut Gasrechnung
2,7 t
178 €
210 €
323 €
Haushalt Heizöl, 2.000 l/Jahr
5,3 t
347 €
410 €
631 €
So haben wir gerechnet: CO₂ je Einheit mal CO₂-Preis, plus 19 % Mehrwertsteuer. Emissionsfaktoren: Benzin 2,37 kg, Diesel und Heizöl je 2,65 kg CO₂ je Liter, Erdgas 0,181 kg CO₂ je kWh laut Gasrechnung (Brennwert; bezogen auf den Heizwert 0,201 kg, UBA). Gasrechnungen weisen kWh nach Brennwert aus; Emissionsstatistiken rechnen meist mit dem Heizwert. Der CO₂-Preis wird je kWh der Gasrechnung weitergegeben, deshalb gilt hier der Brennwert-Wert. Annahmen: fossiler Kraftstoff ohne Biokomponente (E10 und B7 liegen etwas niedriger), volle Weitergabe des CO₂-Preises. Die 100 € sind ein Rechenszenario für den ETS 2, keine Prognose.
Die Rechnung zeigt, warum der Start des ETS 2 politisch heikel ist: Ein Haushalt mit Ölheizung zahlt bei 100 € je Tonne rund 284 € mehr im Jahr als 2026 bei 55 €. Die Emissionen Ihrer Heizung ergeben sich aus dem Verbrauch und den Faktoren der Tabelle oben; Ihre Fahrten schätzen Sie mit dem goClimate CO₂-Rechner für Mobilität ab, Ihr Auto mit dem CO₂-Rechner fürs Auto. Wer die Heizung tauscht, senkt die CO₂-Kosten dauerhaft; Wege dazu beschreibt die Seite zur Dekarbonisierung von Gebäuden.
Wie funktioniert der ETS 2 ab 2028?
Der ETS 2 ist ein zweites, getrenntes EU-Emissionshandelssystem für Brennstoffe in Gebäuden, im Straßenverkehr und in kleinen Industrieanlagen. Er startet 2028 und ersetzt in Deutschland den nationalen Emissionshandel nach dem BEHG.
Ursprünglich sollte der ETS 2 2027 beginnen. Mit der Änderung des EU-Klimagesetzes, die der Rat am 5. März 2026 formell angenommen hat, wurde der Start auf 2028 verschoben. Wie im BEHG sind die Inverkehrbringer der Brennstoffe verpflichtet. Ein Preisstabilitätsmechanismus gibt zusätzliche Zertifikate frei, wenn der Preis über 45 € je Tonne in Preisen von 2020 steigt. Ab 2026 finanziert ein Klima-Sozialfonds Entlastungen für einkommensschwache Haushalte und Kleinstunternehmen, gespeist aus dem Emissionshandel.
Für 2027 musste Deutschland eine Übergangsregel finden. Ohne Änderung hätte sich der nationale CO₂-Preis 2027 am schwankenden Durchschnittspreis der EU-ETS-1-Versteigerungen orientiert, also an rund 80 € oder mehr (Stichtagspreis am 5. Oktober 2026: 82,40 €). Die Bundesregierung hat am 8. September 2026 einen Gesetzentwurf vorgelegt (Drucksache 21/7869), der den Korridor von 55 bis 65 € auch für 2027 festschreibt. Der Bundestag hatte darüber zum Redaktionsschluss noch nicht abgestimmt. Ob die Verschiebung auf 2028 hält, ist offen: Für die Räte im Oktober 2026 erwarteten Marktbeobachter weitere Forderungen nach Aufschub.
Wohin fließen die Einnahmen aus dem Emissionshandel?
Die Einnahmen aus beiden Emissionshandelssystemen fließen in Deutschland vollständig in den Klima- und Transformationsfonds (KTF). 2025 waren es über 21,4 Mrd. €, nach 18,5 Mrd. € im Jahr 2024; seit 2008 sind mehr als 100 Mrd. € zusammengekommen.
Fallbeispiel
Deutschland: Rekordeinnahmen 2025 und kein Klimageld
Einnahmen 2025: 16 Mrd. € aus dem nationalen Emissionshandel (294 Mio. verkaufte Zertifikate zu 55 €), 5,4 Mrd. € aus EU-Versteigerungen (DEHSt nach ZfK, 07.01.2026)
Verwendung über den KTF, unter anderem für Gebäudesanierung, Industrie-Dekarbonisierung, Wasserstoffwirtschaft und Ladeinfrastruktur
Eine Pro-Kopf-Rückzahlung (Klimageld) ist bis Oktober 2026 nicht eingeführt
Einordnung
Was der Fall zeigt
Rechnerisch hätten die Einnahmen 2025 für ein Klimageld von rund 256 € je Einwohner gereicht (21,4 Mrd. € geteilt durch rund 83,5 Mio. Einwohner). Ein Haushalt mit Gasheizung (rund 178 € CO₂-Kosten bei 55 €) und einem Benziner mit 1.000 l im Jahr (rund 155 €) zahlte 2025 rund 330 €; ein Zwei-Personen-Haushalt hätte über ein Klimageld also mehr zurückbekommen als gezahlt. Ohne Rückzahlung wirkt der CO₂-Preis wie eine Verbrauchsteuer, die Geringverdiener anteilig stärker belastet. Für Unternehmen heißt das: Die Einnahmen kommen über Förderprogramme zurück, nicht pauschal, und lohnen sich nur für den, der Anträge stellt.
Was bedeutet der Emissionshandel für Unternehmen?
Für die meisten Unternehmen wirkt der Emissionshandel indirekt: über den CO₂-Preis auf Heizöl, Erdgas, Diesel und Benzin, über den Strompreis und über CBAM bei Importen. Unmittelbar abgabepflichtig sind nur die rund 1.800 Anlagen im EU-ETS 1 und die Inverkehrbringer von Brennstoffen.
Scope 1 bepreisen: Jede Tonne aus eigener Heizung und eigenem Fuhrpark kostet 2026 über den BEHG 55 bis 65 € plus Mehrwertsteuer. Wer Scope 1 kennt, kennt damit einen direkten Kostenblock. Ein Betrieb mit 100 t CO₂ aus Erdgas und Diesel zahlt rund 5.500 bis 6.500 € netto im Jahr.
Szenarien planen: Für Investitionen mit 15 bis 20 Jahren Laufzeit, etwa eine neue Heizung oder Fahrzeugflotte, sollte die Rechnung mit mehreren CO₂-Preisen ab 2028 erfolgen, nicht mit dem Korridor von 2026.
Importe prüfen: Wer im Kalenderjahr zusammen mehr als 50 t Eisen, Stahl, Aluminium, Zement oder Düngemittel aus Drittstaaten einführt, fällt seit 2026 unter CBAM. Für Wasserstoff und Strom gilt diese Schwelle nicht: Sie sind ab der ersten Einfuhr CBAM-pflichtig.
Berichten: In VSME, DNK und ESRS gehören CO₂-Kosten nicht in die Treibhausgasbilanz, aber in die Darstellung von Klimarisiken. Begriffe sauber trennen: Emissionshandel ist keine CO₂-Kompensation; freiwillig gekaufte Zertifikate mindern die eigene Bilanz nicht.
Förderung nutzen: Die Einnahmen fließen über den KTF unter anderem in Programme für Prozesswärme, Effizienz und Gebäude. Einen Überblick gibt die Seite zur Dekarbonisierung der Industrie und ihrer Förderung.
Was kritisieren Fachleute am Emissionshandel?
Die Hauptkritik betrifft nicht das Prinzip, sondern die Ausgestaltung: zu lange zu viele Zertifikate, kostenlose Zuteilung für die Industrie, die soziale Verteilung des CO₂-Preises und politische Eingriffe, die die Planbarkeit des Preises schwächen.
Überschuss und Preisverfall: Von 2012 bis 2017 lag der Preis meist unter 10 € und setzte kaum Anreize. Erst die Marktstabilitätsreserve korrigierte das.
Kostenlose Zuteilung: Industrieanlagen erhielten über Jahre Zertifikate kostenlos; im Strombereich führte das bis 2012 zu Zusatzgewinnen, weil Versorger den Zertifikatwert in den Strompreis einrechneten. Mit CBAM endet diese Praxis bis 2034 für die wichtigsten Grundstoffe.
Soziale Schieflage: Der CO₂-Preis auf Heizung und Kraftstoff belastet Haushalte mit niedrigem Einkommen anteilig stärker. Ohne Klimageld oder gezielte Entlastung sinkt die Akzeptanz.
Politische Preissteuerung: Die Verschiebung des ETS 2, der eingefrorene nationale Preis für 2027 und die Forderung, die MSR auszusetzen, zeigen: Der Preis ist ein Marktpreis innerhalb politischer Leitplanken, die sich ändern.
Internationale Gutschriften: Das neue EU-Klimaziel für 2040 erlaubt ab 2036 bis zu 5 Prozentpunkte über internationale Gutschriften nach Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens. Kritiker befürchten, dass damit Minderung im Inland ersetzt wird.
Unsere These: Der Emissionshandel ist das wirksamste Klimainstrument der EU im Stromsektor und das schwächste im Alltag der Haushalte, weil dort der Preis politisch gedeckelt bleibt. Der Abstand von rund 17 bis 27 € zwischen EU-ETS 1 und nationalem Preis 2026 zeigt, wie viel Lenkungswirkung Deutschland aus Rücksicht auf Heiz- und Fahrkosten bewusst nicht nutzt. Wer seine Emissionen aktiv senken will, sollte nicht auf den Preis warten.
Wie geht es mit dem Emissionshandel bis 2030 weiter?
Bis 2030 sinkt der Cap im EU-ETS 1 weiter um 4,3 bis 4,4 % pro Jahr, die kostenlose Zuteilung für CBAM-Branchen halbiert sich, und 2028 startet der ETS 2. Die Überprüfung des Systems soll bis Anfang 2027 abgeschlossen sein.
Das EU-Klimaziel für 2040 (−90 % netto ggü. 1990) setzt den Rahmen für die Zeit nach 2030. Deutschland hat sich nach dem Klimaschutzgesetz Netto-Treibhausgasneutralität bis 2045 vorgenommen; nach den Projektionen des UBA erreicht es mit bestehenden Maßnahmen bis 2030 −62,6 % statt der angestrebten −65 %. Der Emissionshandel ist das Instrument, das diese Lücke über die Menge schließen soll, wenn andere Maßnahmen zu langsam wirken. Spezialfälle stehen auf eigenen Seiten: Was es mit dem „Emissionshandel“ für Elektroautos über die THG-Quote auf sich hat, warum private Photovoltaikanlagen keine CO₂-Zertifikate verkaufen können und wie die Klimabilanz von Erdgas vom Methanschlupf abhängt.
Häufige Fragen zum Emissionshandel
Was ist Emissionshandel einfach erklärt?
Emissionshandel ist ein System, in dem der Staat eine Obergrenze für Treibhausgase festlegt und dafür Zertifikate ausgibt. Unternehmen müssen für jede ausgestoßene Tonne CO₂ ein Zertifikat abgeben. Wer weniger ausstößt, kann Zertifikate verkaufen; weil die Obergrenze jährlich sinkt, werden Emissionen knapper und teurer.
Was kostet ein CO₂-Zertifikat im Oktober 2026?
Im EU-Emissionshandel kostete ein Zertifikat für eine Tonne CO₂ am 5. Oktober 2026 rund 82,40 €. Im nationalen Emissionshandel für Heizöl, Erdgas, Benzin und Diesel gilt 2026 ein Preiskorridor von 55 bis 65 € je Tonne.
Wann startet der ETS 2?
Der europäische Emissionshandel für Gebäude und Straßenverkehr (ETS 2) startet 2028, ein Jahr später als ursprünglich geplant. Bis dahin gilt in Deutschland der nationale CO₂-Preis nach dem Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG); für 2027 sieht ein Gesetzentwurf erneut 55 bis 65 € je Tonne vor.
Wie viel kostet der CO₂-Preis an der Tankstelle?
Bei 55 € je Tonne verteuert der CO₂-Preis einen Liter Benzin um rund 15,5 Cent, bei 65 € um rund 18,3 Cent, jeweils inklusive Mehrwertsteuer. Ein Liter Diesel oder Heizöl kostet bei 65 € rund 20,5 Cent mehr (goClimate-Rechnung).
Wohin fließen die Einnahmen aus dem Emissionshandel?
In Deutschland fließen die Einnahmen vollständig in den Klima- und Transformationsfonds (KTF). 2025 waren es über 21,4 Mrd. €, davon 16 Mrd. € aus dem nationalen und 5,4 Mrd. € aus dem europäischen Emissionshandel.
Können Privatpersonen CO₂-Zertifikate verkaufen?
Nein, nicht im EU-Emissionshandel. Zertifikate erhalten nur Betreiber erfasster Anlagen, Luftfahrzeug- und Schiffsbetreiber. Private Halter von Elektroautos können die THG-Quote vermarkten, die kein Emissionshandel im ETS-Sinne ist; private Photovoltaik-Betreiber erhalten keine handelbaren CO₂-Zertifikate.